Isolde Tappeiner

Isolde

 

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Der Alltag ist unsere Kultur
Dokumentation Südtiroler Kulturzentrum
Herausgegeben und redigiert von Solveig Freericks, Franz Pichler und Isolde Tappeiner
Union  Druck, Meran

Einführung von Isolde Tappeiner
Rückblick auf einen politischen Lernprozess
Die internationale Studentenbewegung der sechziger Jahre revoltierte gegen die Nachkriegs-Ordnung, gegen das System der feindlichen Koexistenz eines kapitalistischen und eines nicht-kapitalistischen Länder-Blocks, in dessen Rahmen jede radikale Binnen-Opposition (also jeder Versuch zur Realisierung alternativer gesellschaftlicher Entwicklungsmöglichkeiten) zum Scheitern verurteilt war. Durch Wettrüsten wurden in der Ära des “Kalten Krieges” in steigendem Maße Produktivkräfte in Destruktivkräfte verwandelt. Das durch Krieg, Wiederaufbau und Wettrüsten stimulierte langfristige Wirtschaftswachstum hatte einer Reihe von hochentwickelten westlichen Industrienationen Vollbeschäftigung und steigenden Lebensstandard beschert.
Millionen von jungen Intellektuellen, von Krieg, Diktatur und Elend nicht versehrt, im pädagogischen Schutzraum der Schulen und Hochschulen situiert, bildeten in der spezifischen Situation der sechziger Jahre einen exquisiten Resonanzboden für die internationale und nationale Politik. Die politisch aktive Minderheit der Studenten und Schüler bildete im Protest gegen die Indolenz der älteren Generation und die unheilvolle, leerlaufende Geschäftigkeit ihrer poliltischen Repräsentanten ein neuartiges Sensorium für die Risiken des ruinösen Fortschritts aus. Ein halbes Jahrhundert nach der Ermordung Rosa Luxemburgs, trugen Studenten tausendfach das Bild jener Marx-Schülerin, die gelehrt hatte, “die normale Daseinsform” des Kapitals sei die “Katastrophe”, durch die Straßen.
Die studentische Avantgarde suchte nach theoretischer Orientierung und erweckte in ihren Diskussionszirkeln und Raubdruckereien das verpönte literarische Erbe der Revolutionäre des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts zu neuem Leben. So kam es zu einer Renaissance der nicht-orthodoxen, nicht zu Weltanschauung und Staatsreligion gefrorenen marxistischen Theorien (von Gramsci zu Horkheimer, Trotzki und “Che” Guevara), zur Auferstehung des libertären Sozialismus (Bakunin u.a.) und zur Wiederentdeckung der psychoanalytischen Kulturkritik (zuerst in den Schriften von Reich und Fenichel, dann bei Herbert Marcuse und schließlich bei Freud selbst).
Erst seit den sechziger Jahren wird Freud in Deutschland von vielen Tausenden gelesen, wird Marx an Universitäten studiert, und erst seit den Tagen der Studentenrevolte ist die “Frankfurter Schule” ein durchaus vertrauter Begriff.
Das für die Studentenbewegung der sechziger Jahre ausschlaggebende Ereignis in der internationalen Arena war der im Sommer 1964 begonnene Vernichtungskrieg der USA gegen die Vietkong-Guerilla in Süd-Vietnam und deren nordvietnamesisches Hinterland (und das Scheitern dieser Intervention). Die Empörung über das gewaltsame Eingreifen der Us-Truppen in den Vietnamkonflikt und in der Folge die Parteinahme für den Sieg des Vietcong und für den Rückzug der US-Truppen, bildeten den gemeinsamen Nenner des internationalen Studentenprotests, dessen Themen und Ziele (in Westdeutschland vor allem der Kampf gegen die Notstandsgesetze, gegen die Springer-Presse und für die Demokratisierung der Hochschulen) im übrigen natürlich von Land zu Land differierten.
Wie jede radikalpolitische Bewegung zitierte auch die studentische Vergangenheiten und hing an Schimären. So wie linke Intellektuelle der dreißiger und vierziger Jahre (Bloch, Lukàss, Brecht und Feuchtwanger) Stalins Mangel- und Terror – Regime mit einer “Neuen Zivilisation” verwechselten, so begeisterte sich ein großer Teil der Studenten-Rebellen für die chinesische “Kulturrevolution”. Das China der sechziger Jahre unter der Führung von Mao Tse – Tung, erschien ihnen als das Gelobte Land, nicht ahnend, daß dort – vielleicht richtige Ziele auch gewaltsam durchgesezt wurden.
Die radikaloppositionellen Studenten in Berlin und Frankfurt teilten mit denen in London, Paris oder Prag die Gegenerschaft gegen den Vietnamkrieg und den repressiven Staat ebenso wie die Sehnsucht nach einer freien Lebensform.
Die Organisationen der Arbeiterbewegungen und dies vor allem in Deutschland, standen den neuen Sozialisten, die den Klassenkompromiß in Frage stellten, mißtrauisch gegenüber- abgesehen von der kurzfristigen Zusammenarbeit von Teilen der Gewerkschaftsbewegung und Teilen der Studentenbewegung im Kampf gegen die Notstandsgesetze.
Auch bei nicht wenigen Linkssozialisten der älteren Generation und bei den Philosophen der “Frankfurter Schule” (Marcuse ausgenommen) überwogen Argwohn und Skepsis.
Die Mitglieder der studentischen Protestbewegung haben nicht für bornierte, “akademische” Sonderbelange gekämpft, sondern sich enthusiastisch für allgemeine, menschheitiiche Interessen engagiert. Auf der internationalen Bühne galten ihnen vor allem die sozialistisch orientierten nationalen Befreiungsbewegungen und die noch nicht diskreditierten Revolutionen (wie die kubanische) als potentielle Bündnispartner, in Osteuropa die antibürokratisch- reform kommunistischen Strömungen (vor allem die des “Prager Frühlings”), im kapitalistischen Europa die unabhängigen sozialistischen Gruppen und Parteien.
Auf der politischen Bühne blieb die anarschistische lugendbewegung, die das “ganz andere” Leben wollte und darum gegen die Lebensweise der”nivellierten Mittelstandgesellschaft” (Schelsky) samt ihrer NaziVergangeneheit aufbegehrte, mit sich allein.
In den frühen siebziger lahren suchte derjenige Teil der Bewegung, der sich mit dem “Erreichten” bzw. “NichtErreichten” nicht zufrieden geben wollte, verzweifelt nach einem politischen Ausweg aus seiner gesellschaftlichen Isolierung, welche durch eine massive, gewaltsame Gegenreaktion (Verhaftungen, Berufsverbote, Diffamierung in den Medien etc.) vorangetrieben worden war. Doch die forcierten Versuche, “ins Volk” (sprich: in die Fabriken) zu gehen, sich als Elite von Berufsrevolutionären abzukapseln oder als “Stadt-Guerilla” die Apathie der Mehrheit durch “Propaganda der Tat” (mit Bombe und Revolver wie die RAF bzw. in Italien die “Brigate rosse”) zu brechen, führten nur in noch tiefere Isolation, ins soziale Abseits.
Heute wird die Studentenbewegung der sechziger Jahre von interessierter Seite gern für die Attentate und Geiselnahmen der “Rote Armee Fraktion” und dementsprechend in Italien der nBrigate rosse” und den ihnen verwandten Gruppen der siebziger Jahre verantwortlich gemacht und dann – unter dem Etikett “Extremismus” mit den kriminellen Machenschaften unserer Tage amalgamiert. Demgegenüber ist daran zu erinnern, daß die Protestbewegung Gewalt gegen Personen verpönte und daß ihre Aktionen im wesentlichen symbolischer Art waren. Orte der Revolte waren damals die Universitäten; von dort aus zog man auf die Plätze und Straßen, demonstrierte vor Botschaften und Konsulaten (meist denen der USA). Andere Demonstrationsziele waren Polizeipräsidien und Untersuchungsgefängnisse, im Frühsommer 1968 auch die Druckereien der Springer-Presse (um die Auslieferung der “Bild-Zeitung” zu verhindern). Die “Waffen” der Protestbewegung waren Rede, Flugblatt, Pamphlet und Happenings; nur selten wurden Steine gegen Polizeiketten geworfen.
Die Bewegung demonstrierte gewaltlos und friedlich und in der Tat kam bei Hunderten von Demonstrationen kein Mensch zu Schaden – abgesehen von denen, die von der Polizei verprügelt wurden.
Verbrannt wurden allenfalls Flaggen oder Puppen.
Der Versuch der Studentenbewegung der sechziger Jahre, eine politisch-soziale Revolution in Gang zu bringen, scheiterte. Als “Kulturrevolution” aber errang sie einen folgenreichen Sieg.
Erst bei den Studenten und Schülern der sechziger lahre begann etwas, das den Namen einer ,,Aufarbeitung” der Vergangenheit verdiente. Erst diese Generation vollzog wirklich den Bruch mit den nationalen Traditionen, wollte anders sein, anders leben als ihre Eltern und Lehrer und konnte sie die “Welt” nicht ändern, so doch wenigstens das eigene Leben.
Aus den großen sozialpsychologischen Studien der aus Nazideutschland verjagten Soziologen des Frankfurter “lnstituts für Sozialforschung” – aus den Untersuchungen über”Autorität und Familie” und den “Studien über den autoritären Charakter” – zog diese Generation lebenspraktische Konsequenzen. Sie verpönte die autoritären Dispositionen und “ldeale”, mit denen die ältere Generation gelebt und die sie ihnen sozialisatorisch vermacht hatte. In “Kommunen” und Wohngemeinschaften wurden neuartige Umgangsformen zwischen Männern und Frauen und Eltern und Kindern ausprobiert, in antiautoritären “Kinderläden” sollte der Folge-Generation eine von “Repressionen” freie, selbstregulierende Entwicklung ermöglicht werden.
Die Jugendrevolte der sechziger Jahre hat neue “Werte” kreiert und einen Wandel der Mentalität und Lebensweise durchgesetzt. Sie hat dadurch den Bildungs- und Rechtsreformen und den neuen “sozialen Bewegungen” der siebziger und achtziger Jahre (der feministischen, der pazifistischen und der grünen) den Weg bereitet. In der nach 68er Zeit ließ es sich freier atmen, der Horizont der Gesellschaft hatte sich erweitert, es gab einen neuen Toleranz-Spielraum für “abweichende” Denk- und Verhaltensstile.

Und Südtirol ?
Südtirol in den siebziger lahren – zur Genüge beschrieben in Texten, die in diesem Buch nachzulesen sind. Unschwerzu erkennen,daß Denk-undEinstellungsmuster von denselben Prämissen ausgehen wie oben beschrieben.
Der Geist war einheitlich und machte nicht halt vor unserem strategisch nicht schlecht gelegenen Südtirol. Einerseits wehte uns dieser aus dem nitalienischen” entgegen und andererseits lasen wir uns eifrig in all die Literatur ein, die aus dem deutschen Sprachraum kam. Man pfiegte Verbindungen nach dahin und dorthin, und niemand konnte verhindern, daß sogar die ominösen Raubdrucke, von denen oben die Rede ist, in unseren Händen landeten.
Heute noch stehen diese in unserer Bibiiothek, zusammen mit der rot eingebundenen Miniaturausgabe “Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung, Verlag für fremdsprachige Literatur Peking – 1968. Format Gebetbuch. Für die Hosentasche gedacht. Und dann Lenin:
“Über die revolutionäre, proletarische Partei eines neuen Typus”. Alles im Kleinformat, wie gesagt, um es für den Ernstfall immer bei sich haben zu können.
Von wegen Kleinformat. Im Kleinformat gab es alles bei uns ( wenn auch zeitlich etwas verschoben), was es anderswo auch gab; abgesehen von einer Universität. Wie gesagt, zwar kleiner, dafür aber umso bunter: Nicht nur eine trotzkistische Gruppe oder eine den Marxisten/Leninisten verbundene, auch “Lotta continua” und “Avanguardia operaia”, an die nationalen Organisationen angeschlossen und in ständigem Kontakt mit diesen. Aus dem italienischsprachigen Raum verfolgten wir die Arbeiterkämpfe vor allem in der Industrie und im Bauwesen für mehr Lohn, sichere Arbeitsplätze und gewerkschaftiiche Rechte.
Dazu konsultierten wir die Tageszeitungen “Lotta continua” und ” Il manifesto”. Die deutschsprachigen Mitglieder von “Lotta Continua” um Alexander Langer gaben damals auch die “Rote Zeitung” heraus. Sie erschien monatlich.
Ganz im Zeichen der Zeit gab es auch junge Leute, die die Universitäten verließen, um eine der “Arbeiterschaft nahe” Arbeit in den Gewerkschaftorganisationen oder als Arbeiter in der Fabrik zu leisten.
Auch waren uns die Produkte einer linken intellektuellen Kultur, welche in Italien schon in den Jahren 60/61 im Rahmen von Studienzirkeln begonnen hatte, z. B. die “Quaderni rossi” mit Raniero Panzieri an der Spitze, nicht unbekannt. Diese Publikationen waren der “Ausdruck der theoretischen und praktischen Arbeit von in gewerkschaftlichen und politischen Kämpfen engagierten Intellektullen.” (Gianfranco Albertelli, April 79).
Eine andere relevante Zeitschrift waren die “Quaderni Piacentini”.
Ab 68 gibt es weitere Ausgaben, wie ” Giovane Critisa” und später dann “Classe operaia” und andere.
All diese Aufsätze und Analysen, geschrieben von Philosophen, Wirtschaftswissenschaftlern, Soziologen, Psychologen und Studenten usw. gaben den theoretischen Humus ab. auf dem sich die Studentenbewegung bildete und weiterentwickelte.
Ersichtlich ist der nahe Bezug zur Arbeiterschaft in den theoretischen Überlegungen und die relativ intensive Zusammenarbeit mit der Gewerkschaftsbewegung – dies im Unterschied z.B. zu Deutschland. Von dort her holten wir uns das Kursbuch/Wagenbach Verlag, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger und Karl Markus Michel.
Die Autoren der Raubdrucke hießen zum Beispiel K.A. Wittvogel und schrieben zum Thema: nZur Frage einer marxistischen Ästhetik” oder “Der Trotzkismus in Geschichte und Gegenwart”, Spartakus Verlag Hamburg, zu 1,50 DM. Auch illustre Namen wie Oskar Negt zum Thema: “Über das Verhältnis von Ökonomie und Gesellschaftstheorie bei Marx” oder Lippay: “Über die faschistische Herrschaft der Bourgeoisie” sowie Fritz Behrens: “Zur Methode der politischen Ökonomie” waren dabei.
Viele Südtiroler hatten in der Zwischenzeit in Wien stufliPrt llnrl in TriPnt an der frPiPn soziolooischen Fakultät aus der legendäre Figuren wie z.B. Renato Curcio kamen oder auch in Frankfurt, Berlin, Bologna, Padova und Mailand – von dort kamen sie zurück und brachten frischen Wind mit. In den Oberschulen hatten die, welche besonders aufmüpfig und besonders belesen waren, schon Vorarbeit geleistet. Es gab außer den Schulungstreffen in leerstehenden Magazinen, welche als Sitz der jeweiligen Organisation fungierten, solche auch beim “Hasenwirt” in Schlanders, in Gasthäusern von St. Ulrich und Wolkenstein, um nur jene zu nennen, an die ich mich aufgrund effektiver Teilhabe erinnern kann.
In den Dörfern “erkannten” sich diejenigen, die sich nicht im Einklang befanden mit den gängigen Wert- und Verhaltensmaßstäben, diejenigen, welche auch hier in Südtirol Geschichtsforschung betrieben und gewissenhaft versuchten, Wahrheit von Lüge zu trennen, jene, die schon – vielleicht zögernd – angefangen hatten, da und dort so etwas wie “alternative Kulturarbeit” zu leisten.
Daß das Südtiroler Kulturzentrum Sammelsstelle für viele dieser Jugendlichen im Lande geworden ist, Jugendliche, die sich eher heimatlos “in der Heimat” gefühlt haben mögen, ist im Nachhinein als äußerst interessanter Prozess, dessen Details kaum noch rekonstruierbar erscheinen, zu werten.
Auf jeden Fall – nach der Gründung des Südtiroler Kulturzentrums im lahre 1975, bildeten sich in der Folge die Ortsgruppen Meran, Bruneck, Schlanders, Brixen, Welschnofen, Tramin, Bozen, Leifers, Eppan und Kaltern. Erstaunlich auch das mehr oder weniger gut funktonierende Kommunikationsnetz, das unter allen Mitgliedern aufgebaut worden ist und vor allem: derselbe Geist, dieselbe Tat und Gewissenhaftigkeit, derselbe Wissensdurst und dieselbe Kohärenz und Geradlinigkeit!
Nachdenken über 68 – Ein Resumee
Im Rückblick erscheint der Glaube von damals,die Welt verändern zu können, als nicht ganz falsch. Und dies nicht zuletzt wegen der Infragestellung der Grenzen des Politischen und der damit verbundenen Autoritätsstrukturen, die bis dahin als selbstverständlich hingenommen worden waren. Daher kam im Eintreten für Transparenz und gegen geheimnistuerisches Regierungshandeln auch derAppell an einen bestimmten Begriff von Demokratie und Öffentlichkeit zum Ausdruck. Dies führte in der öffentlichen Sphäre zu einer radikalen Neubestimmung der Grenzen. Diese verschoben sich gänzlich hinsichtlich des Erlaubten, der privaten und öffentlichen Darstellung des Körpers und von sozialen Beziehungen im Unterschied zu vorangegangenen Jahrzehnten, in denen nur die entsexualisierte Sentimentalität kleinbürgerlicher Anständigkeit akzeptiert worden war. Diese Verschiebung der Grenzen scheint heute selbstverständlich, damals wurde sie als ein produktiver Prozeß, als eine Umwälzung erfahren, die durch die Teilnahme einer großen Zahl von Menschen an Ereignissen ermöglicht worden war, die ihnen neu, gewagt und als gegen die Konventionen verstoßend erschienen.
In der studentischen Linken der 60er Jahre dabeigewesen zu sein, bedeutete, sich bewußt einer radikalen Veränderung des eigenen Bewußtseins unterzogen zu haben, die Richtig und Falsch neu bestimmte und öffnete, was verschlossen gewesen war.
Dies hatte zur Konsequenz, daß Sexualität, Persönlichkeit, subjektive Erfahrung ebenso wie geheime Regierungspolitik zu Themen offenen politischen Streites werden konnte.
Die Bewegung in Italien prägte zum Thema den Slogan “11 privato e politico” und schrieb ihn auf ihre Fahnen.
Bezeichnenderweise wurde der Denker, der als Vertreter dieser Form von Radikalität bekannt wurde, Marcuse, von den Studenten begeistert aufgenommen. Marcuses Werk und die Frankfurter Konzeption einer kritischen Sozialtheorie erschienen damals als das beste Werkzeug, um diese Art von Grenzverschiebungen in Kultur und Politik zu erfassen. Es kam einer Erleuchtung gleich, Marcuse zu lesen, besonders “Eros und Civilization” mit seiner Kritik des Leistungsprinzips, welche implizit die produktivistische Arbeitsethik, Disziplin und Selbstaufopferung ablehnte.
In den 60er Jahren fand die Konfrontation mit der Elterngeneration in einer fast ausschließlich moralischen, abstrakten Weise statt: so viel Interesse für Psychoanalyse, so wenig Gespräch über persönliches Leben.
Projekte zur Veränderung der Pädagogik, der Kindererziehung, des Gemeinschaftslebens wurden in abstrakten Kategorien gedacht. Natürlich markieren die Ideen der antiautoritären Kindererziehung trotz dieser Naivität den Beginn einer enormen Veränderung in der Pädagogik, in Schule und Familie. Erst mit dem Aufkommen des Feminismus wurde die Kritik der Autoritätsbeziehungen eine konkrete, praktische Sache. Die Frauen erkannten, daß die Ausweitung der Grenzen des Politischen in die Domäne der sexuellen, persönlichen und familiären Beziehungen notwendig ist, um Unterdrückung zu verstehen. Die Überwindung der Barriere zwischen dem Persönlichen und dem Politischen ist ein äußerst entscheidendes Stück Geschichte.
Es scheint, daß die beschriebenen Erfahrungen die Vorstellung von politischer Subjektivität verwandelt und die Fähigkeit hervorgebracht hat, mit politischem Konflikt differenzierter umzugehen. Dies ist wohl auch der Grund, daß viele “Achtundsechziger” noch heute eine tiefe Beziehung zur damaligen Zeit mit all ihren Widersprüchen haben. Es waren unsere schwierigen, aber unverzichtbaren Lehrjahre.

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